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Das Euro Theater Central Bonn Von Elisabeth Einecke-Klövekorn Die Bonner Journalistin
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Wenn sich Ende November dichter Nebel über Lahore ausbreitet, der alten Hauptstadt des Punjab und wichtigsten Kulturstadt Pakistans, kann es dort empfindlich kühl werden. Unter der feuchten Dunstglocke sammeln sich die Abgase der vielen tausend Dreiradrikscha-Motoren – diese liebevoll bemalten Gefährte sind das billigste und schnellste Fortbewegungsmittel im Ohren und Nasen betäubenden turbulenten Straßenverkehr der Millionenstadt – zu einem Gemisch, das das einschlägig berüchtigte Bangkok geradezu als Luftkurort durchgehen ließe. Dass eine Hauptstraße am Ufer des Lahore durchziehenden, schmalen Kanals den Namen der Bonner Islam-Forscherin Annemarie Schimmel trägt und direkt gegenüber der Goethe-Kay liegt, beweist, wie wichtig man im fernen Mittelasien die deutschen west-östlichen Vermittler nimmt. Dass man westliche Uhrengläubigkeit besser zu Hause lässt, lernt man bald: "Five minutes" kann jede Zeitspanne bedeuten, aber ganz bestimmt nicht die angekündigten fünf Minuten. |
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Touristen haben aktuell in
Pakistan Seltenheitswert, beim Besuch des alten Lahore-Forts oder der
großen Badshahi-Moschee wird ein westlicher Ausländer für die vielen
fröhlichen Schulklassen schnell zur Hauptsehenswürdigkeit und zum
begehrten Objekt aller modernen Fotohandys und klassischen
Englischkenntnisse. Dass um das Gelände des "Lahore World Performing Arts
Festivals 2004" rund um die Uhr etwa im Dreimeter-Abstand gut bewaffnete
Polizisten stehen, spricht für sich. Dass das zum riesigen Kulturareal
Alhamra (natürlich soll der Name an die große Zeit des Islam in Spanien
erinnern) mit einem populären Stadttheater, einem Museum für moderne Kunst
und einer kolossalen Arena gehörende Kricket-Stadion nach dem libyschen
Präsidenten Gaddafi benannt ist, der dort mal eine seiner legendären Reden
hielt, ist zumindest hilfreich: Den Namen kennt jeder Rikscha-Fahrer. |
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Seit dem 11. September 2001
sei alles schwieriger geworden, geben die Zwillinge Faizan und Saadaam
Peerzada zu, die das Festival 2004 zusammen mit ihren zwei Brüdern und
ihrer Schwester managen. Zwischen dem 26. November – zur Eröffnung kam
neben etlichen städtischen Würdenträgern und ausländischen Diplomaten auch
der Ministerpräsident des Punjab – und dem 7. Dezember gab es 12 große
Open-Air-Musikveranstaltungen in der Arena, 88 Vorstellungen von 44 Tanz-
und Theatergruppen aus ca. 25 Ländern an neun Spielorten und noch etwa 20
Filme als Begleitprogramm. |
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In einem kleinen, warmen und trockenen Saal unter der Arena – der privilegierte Spielort ist jedoch wesentlich größer als das Bonner Stammhaus – spielte das Euro Theater Central, das inzwischen schon zum fünften Mal in Lahore zu Gast war. Dass es mit seinem neuen Stück "Liebesgeflüster" ein Werk des Festival-Paten Rafi Peer aus Bonn nach Lahore brachte, fand höchste Aufmerksamkeit. Zur pakistanischen Premiere war sogar der Deutsche Botschafter aus Islamabad angereist. Am glücklichsten war jedoch die Mutter der Peer-Familie, eine äußerst vitale, weißhaarige alte Dame: Ein Stück ihres Mannes in einer Inszenierung aus Deutschland zu sehen, empfand sie als grandioses Geschenk. Die drei fast ausverkauften Vorstellungen fanden großen Anklang, das pakistanische Publikum hatte Vergnügen an den ironischen Volten, lachte noch mehr als die Bonner Zuschauer und blieb ausnahmsweise durchweg sitzen, um die eigens auf Englisch einstudierte, spannende Komödie zu Ende zu verfolgen. Der Gouverneur vom Punjab gab einen Extra-Empfang für diese außergewöhnliche Produktion. Klar, Licht und Ton mussten entgegen den ursprünglichen Planungen der Regisseur Peter Tömöry und der Dramaturg Christian Kumm selbst fahren; was Ausstatterin Melinda Lörincz noch brauchte, wurde kurzfristig auf einem nahe gelegenen Bazar preiswert besorgt. Das junge deutsche Darstellerduo war für alle einheimischen Festivalteilnehmer die ideale Verkörperung von "Raaz und Niaz" (in Pakistan der populäre Originaltitel) und gewöhnte sich schnell daran, auf dem Campus mit diesen Namen angesprochen zu werden. |
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Die Technikcrew leistet alles Menschenmögliche, auch wenn dem deutschen TÜV dabei manchmal die Haare zu Berge stünden. In der improvisierten Open-Air-Werkstatt auf dem Campus wird die ganze Nacht lang gezimmert und geschweißt, notfalls entstehen im letzten Moment noch dringend benötigte Möbelstücke und Bühnenbildelemente. Hinter dem Food-Camp werden in archaisch anmutenden Backöfen für die über 600 Künstler und sonstigen Team-Mitglieder knusprige Brotfladen gebacken; drinnen werden alle mit draußen frisch gekochtem, wunderbar scharfem Essen verpflegt. Selbst wenn feuchter, kalter Nebel durch diesen Treffpunkt zieht – der heiße Tee aus den Samowaren (Blick vernebelnde alkoholische Getränke sind strikt verboten, dilettantische Schmuggelversuche enden zuverlässig bei den Kofferkontrollen am Flughafen!) regt zu nächtelangen interkulturellen Dialogen an. Die pakistanische Amtssprache Englisch ist das allgemeine Verständigungsmedium; bei der hohen Analphabetenquote bleibt auch die Kultursprache Urdu vorläufig noch den gehobenen Schichten vorbehalten, die als überwiegend sehr elegantes Publikum auf dem Festivalcampus flanierten und die anspruchsvollen Theateraufführungen begeistert frequentierten. |
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Auch wenn wir im Gegensatz zu vielen pakistanischen Zuschauern die Sprache Hindi nicht verstanden, berührte uns z.B. ein brillant gespieltes indisches Stück über die grausamen wechselseitigen Vertreibungen der Moslems und Hindus bei der politischen Trennung der bengalischen Randstaaten vom indischen Mutterland. Es gibt noch eine Menge aufzuarbeiten; in Lahore gibt’s dafür ein ideologisch erstaunlich offenes Forum, für das die Peer-Familie sich in mühsamer Kleinarbeit ein hochkarätiges persönliches ost-westliches Netzwerk von Norwegen bis Portugal, von Russland bis zu den USA, vom Maghreb bis zum Iran und quer durch den ganzen eigenen Subkontinent geschaffen hat. |
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