Sechs Tanzstunden in sechs Wochen
Richard Alfieri

 
Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Andreas Strigl und Helga Bakowski

 

Premiere: 7. September 2006
Inszenierung: Peter Tömöry - Ausstattung: Melinda Lörincz
Mit Helga Bakowski und Andreas Strigl

 
Als die Predigerfrau Lily sich einen Tanzlehrer ins Haus bestellt, rechnet sie nicht mit Michael, einem hitzköpfigen, mimosenhaften Italiener. Zwischen Lily und Michael kracht es schon bei der Begrüßung. Um seinen Job zu behalten, erfindet Michael rasch eine kranke Ehefrau und appelliert an Lilys Mitleid. Lily kommt allerdings bald hinter sein Täuschungsmanöver und schäumt vor Wut. Michael kontert, denn auch Lily geht lax mit der Wahrheit um. Keiner von beiden würde es je zugeben, aber bei Swing, Tango, Walzer, Foxtrott, Cha-Cha-Cha und Twist kreuzen sie ihre Klingen mit Genuß, fassen langsam Vertrauen zueinander, obwohl ihre ungleichen Temperamente immer wieder kollidieren.
In leichtfüßigen, schnellen Dialogen erzählt "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen zwei komplizierten Charakteren – und von der Entdeckung eines der charmantesten Tanzpaare seit Ginger Rogers und Fred Astaire.
 

"Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" im Euro Theater

Bonn. Mit einem kleinen, feinen Stück des amerikanischen Film- und Theaterautors Richard Alfieri, in dem Peter Tömöry ­ er macht das Dutzend Inszenierungen am Mauspfad voll ­ Regie führt, ging das Euro Theater mit schönem Erfolg in die neue Saison. Der Titel "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" ist schon die Geschichte. In ihr bestellt sich eine ältere Dame in New York einen Tanzlehrer in ihr Appartement, der auch in der Annahme kommt, er solle Unterricht erteilen.
Aber das bleibt nicht das einzige Missverständnis. Lily ­ gespielt von Helga Bakowski - ist in der Lebensphase angekommen, wo nicht mehr so viel vor ihr liegt wie hinter ihr. Aber das holt sie mit ihrem jungen Eintänzer sozusagen im Tanzraffer noch mal zurück. Sie lässt das alles wieder Revue passieren in den Modetänzen, die sie an sich vorbeiziehen ließ. Von Walzer und Foxtrott bis Tango, bis "WalkŒn in the rain" und ABBA mit "Dancing Queen".
Dafür holt übrigens Michael irgendwann Fridas Käppi aus dem Zauberkoffer. Er brauchte eine Weile, bis er merkte, was verlangt war, nämlich nicht Tanzschritte zu zeigen ­ die kann Lily alle noch ­, sondern etwas aus Fleisch und Blut in ihrem Arm zu sein, um die Schritte noch mal zu zweit zu machen. Michael ist nach bewährtem Schema ein jüngerer Schwuler für die ältere Dame. Andreas Strigl bringt den toll, auch mit dem doppelten Schlenker, der das Schwulenklischee noch mal bricht.
Das Leben ein Tanz. Alfieris Clou ist, dass Lily sich (Michael ihr) noch mal ein Stück Leben schenkt. Eine kleine Verlängerung, in der ihre Freundin in der Etage drunter stirbt, Michael deren Neffen Robert kennenlernt (alles nur in der Mauerperspektive des Zwei-Personen-Stückes). Lily dämmert in Michaels Arm hinüber, was undeutlich bleibt. Anderes ist dafür manchmal überdeutlich, aber das gibt sich ­ Frau Bakowski wechselt figurgerecht zwischen heftiger Euphorie und ätherischen Absenzen.
Dass das Stück so gut läuft, verdankt es sehr denen hinter der Bühne: Dem genau arbeitenden Regisseur, aber auch der choreographischen Einrichtung von Yurdakul Ersaracoglu, einst Tänzer in Bonn bei Peter van Dyk und Yuri Vamos, heute Tanzlehrer. Last not least die schöne Ausstattung von Melinda Lörincz ­ Stühle und ein Dutzend Drahtgestelle für die phantasievollen Hüte, die sie Lily für ihr zweites Leben nach und nach auf den Kopf setzt. Viel Beifall für alle.
Bonner Rundschau