Szenen einer Ehe
Ingmar Bergman

 

Nadja Soukup und Johnny Müller

 

Premiere: 22. November 2007
Inszenierung: Marianne de Pury, Ausstattung: Thomas Ziegler
Mit Nadja Soukup und Johnny Müller

 

Johan und Marianne sind seit langem verheiratet, haben zwei Kinder, im Beruf läuft es gut.
Alles scheint perfekt, bis Johan sich in eine Jüngere verliebt.
Marianne de Pury, zuletzt am Euro Theater Central Bonn sehr erfolgreich mit "Brennende Geduld", inszeniert Ingmar Bergmans weltbekannte Tragik-Komödie über die Liebe mit viel Witz und Einfühlungsvermögen.

 
Kuscheln mit Radio Stockholm
Eine fast heitere Geschichte von menschlichen Schwächen und Stärken

Bonn. Johan hält Ibsens "Nora" für reichlich verstaubt und die Frauenbewegung für eine ziemlich gestrige Angelegenheit. Seine Frau Marianne ist beruflich erfolgreich, die beiden führen seit zehn Jahren eine geradezu perfekte Ehe, haben zwei wohlgeratene Töchter und allenfalls mal Probleme mit den schwiegermütterlichen Einladungen zum Sonntagessen. Bis die Fassade des gemeinsamen Glücks halt ganz normal zu bröckeln beginnt? Seit Ingmar Bergmans 1972 erschienenem Filmklassiker mit Liv Ullmann und Erland Josephson gehört "Szenen einer Ehe" zu den viel zitierten Chiffren für das Scheitern der bürgerlichen Institution Ehe, die die Liebe überfordert und den Geschlechterkampf herausfordert.

Die Regisseurin Marianne de Pury macht aus Bergmans "Szenen einer Ehe" im Euro Theater Central keinen düsteren Strindbergschen Familien-Psycho-Krieg, sondern eine fast heitere Geschichte von menschlichen Schwächen und Stärken, von den widersprüchlichen Sehnsüchten nach Geborgenheit und Selbstbehauptung. Ihre auf acht Szenen reduzierte Fassung inszeniert die gelernte Komponistin wie eine musikalische Suite zwischen Scherzo, Allegro furioso und Largo sentimentale.

Thomas Ziegler (bekannt vor allem als Ausstatter von Martin Schläpfers Tanzproduktionen) hat dafür ein raffiniert schlichtes Bühnenbild mit einem beweglichen schwarzen Kasten als Bett für erotische Kissenschlachten, Tisch für kulinarisch-intellektuelle Geplänkel und Gerichtsort für bitterböse Abrechnungen gebaut. Zum Weckprogramm von Radio Stockholm wird gekuschelt, bis Marianne endlich mal einen ganzen Tag für ihren Mann freischaufeln möchte. Geht aber nicht, weil Großmutters Wanduhr zur familiären Ordnung ruft.

Außerdem hat Johan sich in seine Studentin Paula verknallt und sich ein Freisemester genommen, um mit ihr in Paris wieder jung zu werden. Klar, dass seine tolerante Gattin ihm beim Kofferpacken hilft. Die väterliche monatliche Überweisung für die Kinder ist gesichert, ein bisschen Freiheit kann einer offenen Zweierbeziehung nicht schaden - was die anderen munkeln, ist erträglich. Patchwork-Beziehungen sind der statistische Normalfall. Kein Grund zur Aufregung, wenn da im Hintergrund nicht das Gespenst der Eifersucht lauerte.

Und diese irgendwie lieben, aber furchtbar lächerlichen Gefühlsanalphabeten nicht dauernd über ihre eigenen klugen Wörter stolperten. Nadja Soukup, die 1999/2000 schon in der Titelrolle von de Purys Inszenierung von Strindbergs "Fräulein Julie" glänzte, spielt eine wunderbar differenzierte Marianne: zärtlich wütend, trotzig verzweifelt, selbstbewusst begehrenswert, im roten Kostüm die knallharte Geschäftsfrau, die aus der Scheidung das Beste rausholt.

Johnny Müller (zum ersten Mal im Euro Theater), ist ihr als aufstrebender Wissenschaftler ein ebenbürtiger Partner: liebenswürdig hilflos, ein strahlend dummer Selbstbetrüger auf dem Midlife-Ego-Trip, grausam verständnisvoll. Beide sagen immer das richtig Falsche, schwanken zwischen Anziehung und Abwehr, lieben und hassen sich nach allen Regeln der Kunst und treffen sich zehn Jahre später - inzwischen anderweitig verheiratet - im Bett. Sehen mit ihren niedlich nackten Füßen aus wie eine Sparkassen-Reklame und glotzen "Casablanca".

Große Gefühle sind ja eigentlich nur noch ein kleines Kino-Ding, das man locker mit der Fernbedienung beherrscht. Mahlers "Kindertotenlieder" und Schuberts "Forellenquintett" - kann man sich alles beliebig ins Blog-Universum runterladen, wenn da nicht so was Blödes und Unberechenbares sich manchmal fast von selbst hochlädt, das man "Liebe" nennen könnte.

Von diesem merkwürdig sinnlichen Phänomen erzählt schauspielerisch brillant mit leise bösem Witz dieses fein geschliffene Duell aus dem dornigen Gelände der Rosenkriege. Könnte nach dem heftigen Premierenbeifall ein Renner werden wie schon Marianne de Purys Inszenierung von "Brennende Geduld".
General-Anzeiger Bonn, 24.11.2007