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Johan und Marianne sind
seit langem verheiratet, haben zwei Kinder, im Beruf läuft es gut.
Alles scheint perfekt, bis Johan sich in eine Jüngere verliebt.
Marianne de Pury, zuletzt am Euro Theater Central Bonn sehr erfolgreich
mit "Brennende Geduld", inszeniert Ingmar Bergmans weltbekannte
Tragik-Komödie über die Liebe mit viel Witz und Einfühlungsvermögen. |
Kuscheln mit Radio Stockholm
Eine fast heitere Geschichte von menschlichen Schwächen und Stärken
Bonn. Johan hält Ibsens "Nora" für
reichlich verstaubt und die Frauenbewegung für eine ziemlich gestrige
Angelegenheit. Seine Frau Marianne ist beruflich erfolgreich, die beiden
führen seit zehn Jahren eine geradezu perfekte Ehe, haben zwei
wohlgeratene Töchter und allenfalls mal Probleme mit den
schwiegermütterlichen Einladungen zum Sonntagessen. Bis die Fassade des
gemeinsamen Glücks halt ganz normal zu bröckeln beginnt? Seit Ingmar
Bergmans 1972 erschienenem Filmklassiker mit Liv Ullmann und Erland
Josephson gehört "Szenen einer Ehe" zu den viel zitierten Chiffren für das
Scheitern der bürgerlichen Institution Ehe, die die Liebe überfordert und
den Geschlechterkampf herausfordert.
Die Regisseurin Marianne de Pury macht aus Bergmans "Szenen einer Ehe" im
Euro Theater Central keinen düsteren Strindbergschen
Familien-Psycho-Krieg, sondern eine fast heitere Geschichte von
menschlichen Schwächen und Stärken, von den widersprüchlichen Sehnsüchten
nach Geborgenheit und Selbstbehauptung. Ihre auf acht Szenen reduzierte
Fassung inszeniert die gelernte Komponistin wie eine musikalische Suite
zwischen Scherzo, Allegro furioso und Largo sentimentale.
Thomas Ziegler (bekannt vor allem als Ausstatter von Martin Schläpfers
Tanzproduktionen) hat dafür ein raffiniert schlichtes Bühnenbild mit einem
beweglichen schwarzen Kasten als Bett für erotische Kissenschlachten,
Tisch für kulinarisch-intellektuelle Geplänkel und Gerichtsort für
bitterböse Abrechnungen gebaut. Zum Weckprogramm von Radio Stockholm wird
gekuschelt, bis Marianne endlich mal einen ganzen Tag für ihren Mann
freischaufeln möchte. Geht aber nicht, weil Großmutters Wanduhr zur
familiären Ordnung ruft.
Außerdem hat Johan sich in seine Studentin Paula verknallt und sich ein
Freisemester genommen, um mit ihr in Paris wieder jung zu werden. Klar,
dass seine tolerante Gattin ihm beim Kofferpacken hilft. Die väterliche
monatliche Überweisung für die Kinder ist gesichert, ein bisschen Freiheit
kann einer offenen Zweierbeziehung nicht schaden - was die anderen
munkeln, ist erträglich. Patchwork-Beziehungen sind der statistische
Normalfall. Kein Grund zur Aufregung, wenn da im Hintergrund nicht das
Gespenst der Eifersucht lauerte.
Und diese irgendwie lieben, aber furchtbar lächerlichen
Gefühlsanalphabeten nicht dauernd über ihre eigenen klugen Wörter
stolperten. Nadja Soukup, die 1999/2000 schon in der Titelrolle von de
Purys Inszenierung von Strindbergs "Fräulein Julie" glänzte, spielt eine
wunderbar differenzierte Marianne: zärtlich wütend, trotzig verzweifelt,
selbstbewusst begehrenswert, im roten Kostüm die knallharte Geschäftsfrau,
die aus der Scheidung das Beste rausholt.
Johnny Müller (zum ersten Mal im Euro Theater), ist ihr als aufstrebender
Wissenschaftler ein ebenbürtiger Partner: liebenswürdig hilflos, ein
strahlend dummer Selbstbetrüger auf dem Midlife-Ego-Trip, grausam
verständnisvoll. Beide sagen immer das richtig Falsche, schwanken zwischen
Anziehung und Abwehr, lieben und hassen sich nach allen Regeln der Kunst
und treffen sich zehn Jahre später - inzwischen anderweitig verheiratet -
im Bett. Sehen mit ihren niedlich nackten Füßen aus wie eine
Sparkassen-Reklame und glotzen "Casablanca".
Große Gefühle sind ja eigentlich nur noch ein kleines Kino-Ding, das man
locker mit der Fernbedienung beherrscht. Mahlers "Kindertotenlieder" und
Schuberts "Forellenquintett" - kann man sich alles beliebig ins
Blog-Universum runterladen, wenn da nicht so was Blödes und
Unberechenbares sich manchmal fast von selbst hochlädt, das man "Liebe"
nennen könnte.
Von diesem merkwürdig sinnlichen Phänomen erzählt schauspielerisch
brillant mit leise bösem Witz dieses fein geschliffene Duell aus dem
dornigen Gelände der Rosenkriege. Könnte nach dem heftigen
Premierenbeifall ein Renner werden wie schon Marianne de Purys
Inszenierung von "Brennende Geduld".
General-Anzeiger Bonn, 24.11.2007 |